| 15.03.04 |
Veröffentlichung
mit freundlicher Genehmigung von Sina Walden
Dieser Artikel erschien in der Tierbefreiung
Aktuell, Ausgabe 43
Der verbotene Vergleich
von Sina Walden
Wo
immer ein großes Unglück geschieht, eine Naturkatastrophe
wie Erdbeben, Wirbelsturm, Feuersbrunst, oder ein schwerer
Verkehrsunfall mit vielen Toten, der Einsturz eines Hochhauses,
eine Explosion, ein Attentat - immer sagen einige Augenzeugen
spontan: “Es war wie im Krieg.“
Eine
natürliche Assoziation, der niemand widerspricht, der
niemand besserwisserisch entgegenhält, dass der Krieg
andere Ursachen hat als ein Erdbeben, dass der Krieg sich
in hundert Aspekten von einem Zugunglück unterscheidet.
Denn was die Leute meinen, ist sofort klar: Sie vergleichen
das Schrecklichste, was ihnen einfällt, mit dem, was
sie erlebt haben. Sie wählen ein Bild, das in jedem
die Bilder oder das eigene Erleben von Krieg hervorruft,
um das Entsetzen zu vermitteln, das sie fühlen. Der
Vergleich ist eine Grundform menschlicher Kommunikation,
eine Möglichkeit der Vermittlung von Gefühlen,
Eindrücken, Erlebnissen, für die ein bloßer
Bericht zu schwach erscheint.
Kein
Mensch, der Schweres im Krieg erlebt hat, wird sich empören
oder es als Beleidigung empfinden, wenn jemand, der seine
Liebsten bei einem Massenunglück verloren hat, der
Tote und Verstümmelte um sich gesehen, der die Schmerzens-
und Todesschreie gehört hat, seine Gefühle, sein
Erleben, mit Kriegserfahrungen gleichsetzt. Keiner würde
auf die Idee kommen, dass damit die Schrecken des Krieges
herabgemindert werden könnten oder gar sollten. Im
Gegenteil, das Heraufbeschwören des Bildes “Krieg“
dient ihm dazu, sich in den anderen hineinzuversetzen.
Ist
diese Assoziation mit Krieg so anders zu werten als die
oft ebenso nahe liegenden Assoziationen mit einem anderen
jedermann verständlichen Menschheitshorror, den Massenverbrechen
des Nationalsozialismus? Und warum sollte in diesem Fall
die Vergleichbarkeit mit Gründen bestritten werden,
die nicht in dem vergleichbaren Ergebnis liegen - dem Massenmord,
der Zufügung von Leiden und Schmerzen, der Ausgrenzung
und Herabwürdigung - sondern in der Motivation der
Täter?
Fragt bei “Krieg“ jemand danach, aus welchen
Gründen der bildhaft evozierte Krieg angezettelt und
geführt wurde? Die Analyse von Kriegen und Diktaturen
in historischen Zusammenhängen wird auf einer ganz
anderen Ebene vorgenommen, von der Geschichtsschreibung
und im politischen Diskurs. Hier sind freilich sorgfältige
Untersuchungen von Fakten und Kausalitäten geboten,
schon um der Relativierung von Schuld durch Ewig-Gestrige
und Neu-Gestrige entgegenzuwirken.
Unsere
Frage zielt darauf, warum die maßlosen Verbrechen,
die Tieren angetan werden, nicht in einem Atem mit Verbrechen
an Menschen genannt werden sollten, und insbesondere nicht
mit dem Schrecklichsten, was uns als Kindern des 20. Jahrhunderts
sofort in den Sinn kommt und den Namen Holocaust trägt?
Warum muss das Entsetzen über die gegenwärtige
Barbarei gegen Tiere und deren Duldung und Leugnung die
Assoziation mit der vergangenen Barbarei, die unbestreitbar
als solche erkannt wird, scheuen?
Nazivergleiche
unter Menschen
Wenn
in irgendeinem Zusammenhang der Vergleich mit Untaten der
Nazis gewählt wird, fließen allerdings gewöhnlich
Aspekte ihrer Motivation mit ein, man fasst ihn also gleichzeitig
(zeitlich) enger und (inhaltlich) tiefer als “Krieg“.
In
dieser Form aber ist der Bezug allgegenwärtig. Umgangssprachlich
wird wohl täglich irgendwo jemand als “Nazischwein“
beschimpft, werden “Nazimethoden“ angeprangert,
vom “KZ Stammheim“ war ungestraft die Rede,
vom “atomaren Holocaust“ in Hiroshima, vom “ökologischen
Holocaust“ in unseren Tagen.
Nazi-, Hitler -, bzw. “Faschismus“-Analogien
werden auch in der seriösen Presse und in der Politik
gebraucht, etwa in Bezug auf Milosevic, Saddam Hussein oder
südamerikanische Juntas und ihre Opfer. Dabei ist nicht
der Antisemitismus als Motiv gemeint - höchstens dann,
wenn real auch heute wieder jüdische Menschen die Opfer
sind - sondern er dient als Analogie, wenn menschenunwürdige
Behandlung angeprangert werden soll, der ähnliche,
zum Beispiel rassistische oder fremdenfeindliche, Einstellungen
zugrunde liegen.
Haben
solche Einstellungen große Zahlen von Morden und Menschenopfern
im Gefolge, was meist nur mithilfe staatlicher oder usurpierter
Macht möglich ist, wird die Mordmaschinerie des NS-Staats
nahezu zwangsläufig als Bezugsgröße assoziiert.
Es ist gewiss zuzugeben, dass Nazi-Vergleiche inflationär
in Umlauf sind, dass sie oft für allzu kleine Vorgänge
benutzt werden, die an die Größenordnung und
den Horror des Nazitums als Ganzes nicht entfernt heranreichen.
Die
Zeit dieses spezifischen Terrors bietet einen so riesigen
Steinbruch, dass zu Recht oder zu Unrecht, viele die ihnen
geeigneten Steine daraus brechen und das wohl noch auf unabsehbare
Zeit tun werden. Doch so unproportional manche Vergleiche
menschlicher Unbill mit Naziverbrechen oft auch sein mögen,
so versteht man doch ihre Absicht, das jeweils angeprangerte
Unrecht in die Nähe des Schlimmstmöglichen zu
setzen. Es widerspricht der einfachsten Logik, dass der
Vergleichende darauf abzielt, dieses Schlimmstmögliche
als nicht so schlimm bezeichnen zu wollen, da er doch genau
das Gegenteil ausdrückt.
Nazivergleiche
werden denn auch nicht der Opferseite verübelt, sondern
nur dann als sträflich empfunden, wenn sich jemand
dieserart mit den Tätern verglichen und seinen Ruf
beschädigt sieht (oder jemand in seinem Namen) - eben
weil man ihn mit dem schlechthin Teuflischen gleichsetzt.
Warum aber sollten diejenigen, die die Opfer waren und überlebt
haben oder deren Angehörige, sich verletzt fühlen?
Allenfalls
schütteln sie den Kopf und denken “Der weiß
ja nicht, wovon er redet“. Ihr Leid wird dadurch nicht
kleiner, wenn andere meinen, ebenso zu leiden oder wirklich
ebenso leiden. In der Regel äußern sich überhaupt
nur diejenigen, die als Sachwalter der Opfer und ihres Andenkens
zu sprechen behaupten. Um Leiden und Tod systematisch verfolgter,
gequälter, hingemordeter Menschengruppen in unserer
Zeit sinnfällig zu bezeichnen, bieten sich die Erinnerungen
an die Naziära so direkt an, dass sie ohne weiteres
als Verständigungsmittel dienen. Eine reflexartige
Empörung setzt erst da ein, wenn es sich bei den Opfern
nicht um Menschen handelt, sondern um Tiere.
Nur
hier erfolgt ein Aufschrei, wenn Analogien zu KZ und Holocaust
gebildet werden. Es geht also nicht um die Berechtigung
der Assoziation mit den Schrecknissen dieser speziellen
Epoche generell, sondern um die Vergleichbarkeit der Opfer.
Der
Verdacht liegt nahe, dass sich die Entrüsteten der
angeblich herabgesetzten Opfer bedienen, sie (bewusst oder
unbewusst) instrumentalisieren, um - siehe oben - den Vergleich
mit den Tätern und Mittätern, Mitläufern
und Nutznießern, abzuwehren. Denn das heißt:
mit uns selbst. Ein Aufschrei gegen den Satz von Isaac B.
Singer: “Den Tieren gegenüber sind alle Menschen
Nazis.“
Holocaust als Chiffre
Das
deutsche Wort “Opfer“ unterscheidet nicht zwischen
den zwei Bedeutungen, wie sie sich im Englischen und in
den romanischen Sprachen deutlicher zeigen: sacrifice
und victim.
Wer
immer den Begriff Holocaust als Synonym für
den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas
ins Spiel gebracht hat - in Deutschland ist er erst durch
ein “spannendes“ amerikanisches Fernsehspiel
in den 70er Jahren eingebürgert worden - hat nicht
bedacht, dass dadurch der Akzent auf der Bedeutung “sacrifice“
liegt.
Das griechische Wort Holocaust bedeutet gänzliche
Verbrennung, “Ganzopfer“, ein religiöses
Ritual, bei dem Brandopfer (von Tieren!) zur Ehre Gottes
gebracht wurden. Das hat offensichtlich mit den Intentionen
der Nazis wenig zu tun.
Das
Wort hat einen Bedeutungswandel erfahren, und wer heute
von Holocaust spricht, meint die Opfer im Sinne von “victim“.
Der Akzent liegt auf den unschuldigen Opfern von systematischem
Massenmord, überwiegend eingeengt auf das Programm
der Nazis zur Vernichtung der Juden, die aber selbst eher
das Wort “Shoah“ benutzen. Denn bei
Holocaust klingt mehr an, er umfasst auch nichtjüdische
Opfer des Herrenmenschenwahns, besonders in den KZs, die
Sinti und Roma, deren halbes Volk umgebracht wurde, und
andere Volksgruppen, die zu “Untermenschen“
erklärt wurden, Homosexuelle, Behinderte, Geisteskranke.
Holocaust
ist eine Chiffre geworden. Ist es aber unmoralisch, mit
diesem Schreckenswort Parallelen zu anderen systematischen
Massenmorden in einem anderen historischen Umfeld zu ziehen?
Das Wesen des Vergleichs beruht immer darauf, bei ähnlichen
Dingen oder Vorgängen das Gemeinsame im Unterschiedlichen
aufzuzeigen, und selbst wenn dabei ein Absolutes herauskommt
(der Gepard ist das schnellste Landsäugetier, das Fest
war das schönste, das ich je erlebt habe), so kommt
man auch dazu nur, indem man eins gegen das andere hält.
Ganz und gar Gleiches kann man nicht vergleichen.
Industrielle
Tötungsmaschinerien
Worin
also besteht das Gemeinsame und das Unterschiedliche zwischen
dem Holocaust und der heutigen Behandlung von Tieren, insbesondere
von “Nutztieren“?
Zuerst
springen die phänomenologischen Ähnlichkeiten
ins Auge. Wer sich nicht blind stellt, fühlt sich beim
Anblick von lang gestreckten, stacheldrahtbewehrten Baracken
abseits bewohnter Siedlungen, von Hühnerbatterien,
Rinderstallungen, Schweine- oder Putenmastbetrieben, Pelzfarmen,
von schwer gesicherten Tierversuchsanstalten, von endlosen
Reihen trostlos verzweifelter Affen wie bei COVANCE, unweigerlich
an Konzentrationslager erinnert.
Im
englischsprachigen Raum gibt es für Massentierhaltung
das offizielle Wort CAFO, Concentrated Animal Feeding
Operation. Bei factory farms, Tierfabriken, Fließbandschlachtung,
Akkordschlachtung zeigt sich eine weitere Parallele zu einem
Charakteristikum der Menschen-KZs: die industrialisierte,
rationalisierte, geschäftsmäßige Form der
massenhaften Tötungen. Das “Vergasen“ ist
die übliche Art der Tötung von Pelztieren und
von Millionen männlicher Küken, die von den weiblichen
“selektiert“ werden, da sie als “Arbeitskräfte“
(zum Eierlegen) nicht tauglich sind. Auf dem Gelände
jeder größeren Tierversuchsanstalt ragt ein hoher
Kamin in den Himmel, in dem die Ermordeten verbrannt werden,
Rauch steigt auf.
Die
Leichenberge sind selten sichtbar, werden der Öffentlichkeit
zur Schonung ihrer Nerven nicht zugemutet. Aber jede/r weiß,
dass es sie gibt, verdrängt es sofort, will es nicht
wissen. Wenn Tierbefreier/innen oder Journalist/innen den
Konsens des Nichtwissenwollens durchbrechen (unter Gefahren)
und Bilder der Tatsachen liefern, haben sie es schwer, auch
noch den Schutzwall der Medien zu überwinden. “Mutig“
müssen Redaktionen sein, um “das Volk“
auch nur Sekunden einen Blick riskieren zu lassen.
So wird die zivile Gesellschaft, die reale Grausamkeit “nicht
sehen kann“, entlastet, kann sie minimalisieren, nicht
richtig “glauben“, verdrängen, wegstecken.
Auch die Vernichtungslager des "Dritten Reichs"
waren “geheime Reichssache“. “Das Volk“
wusste und wusste nicht. Hatte auch “andere Sorgen“.
Das
wirksamste Mittel aber, der Verdrängung zuzuarbeiten,
ist die ideologische Abwertung der Opfer. Christen hatten
keine Gewissensprobleme, wenn “Heiden“ zu Millionen
abgeschlachtet, Jahrhunderte lang “Hexen“ und
“Ketzer“ (zum “Wohl“ der Rechtgläubigen)
verbrannt wurden. Der Genozid an den Indianervölkern
etwa konnte locker mit der behaupteten eigenen “geistigen“
Überlegenheit begründet werden. Kommunisten aller
Länder rechtfertigten vor sich und der Welt die unermesslichen
Menschenopfer des Stalinismus im Namen des “Fortschritts“,
allein 2-3 Millionen ermordeter Bauern, der “Kulaken“,
im Zuge der Zwangskollektivierung mit 10 Millionen Hungertoten
als deren Folge, oder rund 12 Millionen Tote in den Arbeitslagern
des Gulag; die bildungsstolzen weißen Europäer
nahmen die institutionalisierten Grausamkeiten des Kolonialismus
an Schwarzen und Farbigen, an den “Wilden“,
kaum zur Kenntnis.
Keine Metaphern, sondern Fakten
Sprechen
wir von Zahlen. Die technischen und organisatorischen Errungenschaften
des 20. Jahrhunderts ermöglichten eine hohe Effizienz
der Niedertracht, eine Massierung und „Durchführung“
von Gräueln in relativ kurzer Zeit.
Immerhin waren und sind Menschen auch mit weniger ausgereifter
Technik schon zu eindrucksvollen Massakern fähig gewesen,
die an Quantität nicht hinter denen der Nazis zurückstehen.
Doch kommt es auf Zahlen an? Lassen sich individuelle Leiden
summieren? Lassen sich Verbrechen aufrechnen?
Trotzdem kann unser Gehirn nicht anders, als auch mit Zahlen
zu operieren. Ein Serienmörder erschreckt uns mehr
als ein Einmaltäter, sechs Millionen Ermordete lasten
schwerer als ein niedergebranntes Dorf mit dreißig
Toten. Wenn wir Zahlen ins Spiel bringen, kann allerdings
der Vergleich mit den ermordeten Tieren nur noch Schwindel
erregen.
Nichts, was Menschen einander angetan haben, kommt auch
nur in Bruchteilen von Bruchteilen an die Größenordnungen
dessen heran, was wir Tieren antun. Es geht um Milliarden,
Billiarden, um Hekatomben individueller Leiden und Tode,
jahraus jahrein. Und sprechen wir noch von einer weiteren
Parallele: Ein besonders erschütternder Aspekt der
Nazibarbarei ist ihr Auftreten mitten in einer sich auf
dem Höchststand der Zivilisation, der Aufklärung,
der Humanität, der Bildung, der Kultur wähnenden
Gesellschaft. Da glauben wir uns heute auch.
Unabweisbar
zeigt uns der Vergleich Vergleichbares: Konzentrationslager,
industriellen, planvollen Massenmord, vorangegangene Deklassierung
und Verachtung der Opfer, ihre Ausblendung aus dem Bewusstsein,
ihre Rechtfertigung durch einen “höheren Zweck“,
die Verschleierung und/oder Verdrängung der Grausamkeit,
die Ungeheuerlichkeit der Zahlen.
Dabei
haben wir noch nicht einmal die Arten der Qualzufügung
betrachtet. Das wollen wir uns hier auch ersparen. Wer auch
nur fünf oder zehn Beschreibungen von Tierversuchen
liest, fünf oder zehn Fotos oder Videos sieht, wer
die Vorstellungskraft besitzt, sich in einen Affen mit angebohrtem
Gehirn in einem stereotaktischen Stuhl hineinzuversetzen,
in eine Katze mit zerschnittenem Auge, in eine zum stundenlangen
Schwimmen gezwungene Maus, der man vorher die Hinterbeine
gelähmt hat, in das von der Geburt bis zum Tod eingepferchte,
wundgescheuerte Huhn, die lebenslang angebundene Kuh, in
einer Gefängniszelle “so eng wie die Stehsärge
von Oranienburg“, das im Metallkasten gefesselte Mutterschwein,
dem man die Kinder raubt - nein, keine Vorstellungskraft
reicht an die entfesselte Orgie der raffinierten Grausamkeit
und uneingeschränkten Brutalität heran, die sich
an Tieren austobt. Doch sogar im physischen Leiden und Sterben
wahren wir eifersüchtig unsere dünkelhafte „Überlegenheit“.
Mein Leid ist größer als dein Leid
Dass
Tiere physisch und psychisch leiden, wird heute von niemandem
ernsthaft bestritten. Dass das Gegenteil jemals von “großen
Geistern“ und ehrsamen Wissenschaftlern behauptet
wurde, Jahrhunderte lang, wirkt geradezu wie ein Spuk.
Wie
aber kann man Leiden messen, wie vergleichbar machen? Die
Überlegung, dass Tiere sogar mehr leiden als Menschen,
ist nicht von der Hand zu weisen. Ihnen stehen einige Möglichkeiten
der psychischen Entlastung nicht zur Verfügung, keine
Hoffnung, kein Glaube an eine höhere ausgleichende
Gerechtigkeit, kein geistiger Trost. Auch keine Rache, keine
Notwehr, nicht einmal Selbstmord.
Der Einwand, sie litten weniger, weil sie ihr eigenes Schicksal
nicht in Zusammenhängen begreifen oder zum eigenen
Leid nicht noch das Leid von Angehörigen oder Schicksalsgefährten
summieren könnten, steht auf schwachen Füßen.
Unser Wissen von der Wahrnehmungswelt von Tieren ist lächerlich
gering. Doch das, was wir vom Leiden der Tiere fast mit
bloßem Auge erkennen können, reicht wahrhaftig
aus, um nicht auf kunstvolle Abwägungen warten zu müssen.
Der
große Unterschied zwischen dem Holocaust an Menschen
und dem namenlosen Terror gegen Tiere soll nun aber in der
Motivation liegen, in Ziel und Zweck. Nämlich: Juden,
“Zigeuner“, “rassisch“ oder biologisch(!)
“Minderwertige“ sollten ja vernichtet werden,
einfach um sie zu vernichten, Tiere aber sollen - gegessen
werden (bzw. in den Tierexperimenten der menschlichen Gesundheit
dienen). Liegt hier aber wirklich ein wesentliches Unterschiedsmerkmal
vor?
Zum einen wurden die KZ-Opfer der Nazis vor ihrer Vernichtung
noch, so lange es ging, auch als Arbeitskräfte ausgebeutet,
ihr persönlicher Besitz wurde geraubt bis zu ihren
Körperteilen wie Haare und Goldzähne. Zum anderen
werden Tiere auch ohne Umwege vernichtet, etwa die Hälfte
aller Hühner (die männlichen) routinemäßig
gleich nach der Geburt, die Unbrauchbaren, wie die BSE-Rinder
samt Millionen gesunder Artgenossen auf Scheiterhaufen zu
Asche verkohlt; in unseren Tagen wurden gerade mehr als
60 Millionen grippekranke und gesunde Hühner und andere
Vögel in Säcke gestopft und lebendig begraben
oder verbrannt. In den permanent laufenden Tötungsmaschinerien
fällt täglich “Abfall“ an, alle, die
noch vor jeder Nutzung unter den Haltungsbedingungen vorzeitig
zusammenbrechen und “entsorgt“ werden, dazu
Überzählige, Fehlzuchten, Ungebärdige, Geflohene.
Ein
erweiterter Horizont lässt den Blick noch weiter gleiten:
auf die Ausrottung ganzer Tiervölker wegen ihrer Unbrauchbarkeit
für die Herrenrasse oder als lästige Konkurrenten
für das Menschen-„Volk ohne Raum“, das
ihnen ihre Lebensgrundlagen stiehlt.
Zweckrationalisierung
Das
entscheidende Moment aber, warum die Betonung des Zwecks
so falsch und unsinnig ist, liegt darin, dass die Perspektive
der Täterseite und nicht die der Opfer eingenommen
wird.
Irgendein
“Zweck“ dient jedem mit “höheren
Werten“ begründeten Massenmord als Rechtfertigung.
Für die Opfer ist es völlig gleichgültig,
warum sie vernichtet werden, ob das Interesse ihrer Mörder
an ihrem Tod von deren Geschmacksnerven oder dem Rassenwahn
in ihren Köpfen herrührt.
Doch
auch wenn wir die Ähnlichkeiten der Motivlage betrachten,
entdecken wir Gemeinsames. Zu den konstitutiven Bestandteilen
der Naziideologie gehört der Überlegenheitswahn
über andere, über “Minderwertige“
nach eigener Definition der zur Herrschaft Gelangten, über
“lebensunwertes Leben“.
Dazu
gehört das “Recht des Stärkeren“ als
angebliches Naturgesetz, die propagierte Mitleidlosigkeit
gegenüber den “Minderwertigen“ und Unterlegenen,
die Anmaßung, “mit Recht“ den Wert fremden
Lebens zu bestimmen, es auszulöschen oder grenzenlos
auszubeuten.
Die
strukturelle Ähnlichkeit mit der allgemeinen Einstellung
zu Tieren liegt auf der Hand. Sie hier zu erkennen und mit
allen Folgen zu akzeptieren, erfordert allerdings eine gewaltige
geistige und seelische Anstrengung, die von der Mehrheit
nicht über Nacht zu erwarten ist. Kein Überlegenheitswahn
ist so uralt und so tief verwurzelt wie der der ganzen Menschheit
über die ganze Tierwelt.
Seit
Menschengedenken hat mensch die Tiere als das “ganz
Andere“ und das weit unter ihm Stehende definiert
und behandelt. Hunderte von Abgrenzungskriterien wurden
von den Kulturen und Religionen betont oder erfunden, unter
den Riesengebäuden der Selbstbespiegelung verschwanden
die Gemeinsamkeiten bis zur Unsichtbarkeit. Erst seit Darwin
begannen die selbst errichteten Throne Risse zu bekommen,
und die moderne Wissenschaft, insbesondere die Verhaltensforschung,
entzog Stück für Stück die Fundamente, auf
denen sie ruhen.
Wer
wissen will, weiß heute, dass Tiere, ganz ohne Zweifel
mindestens Säugetiere und Vögel, sehr ähnliche,
weitgehend identische, physiologische und diesen entsprechende
sinnliche und emotionale Strukturen haben wie die Spezies
Mensch, und dass auch ihr kognitiver Apparat prinzipiell
den gleichen Mustern folgt. (Unfreiwilligerweise hat auch
die Versuchstierforschung ihr Teil zu diesen Erkenntnissen
beigetragen, es sei nur auf die Versuche auf dem Feld der
Psychologie hingewiesen.)
Die vor- und außerwissenschaftlichen Einsichten in
die enge Verwandtschaft, die vergleichbare Erlebniswelt,
sind bei Menschen, die sich nicht völlig von der Idolisierung
der eigenen Art einnebeln ließen, auch immer schon
da gewesen, hatten gegenüber dem herrschenden Menschenbild
nur nie eine Chance. Erst die Denkrichtungen der auf Recht,
Freiheit und Gleichheit gerichteten geistigen und politischen
Konzepte entwickelten eine Eigendynamik, deren Logik nun
auch die verachteten Tiere erreicht hat.
Da
als einziger Unterschied nur die geringere oder genauer
gesagt: anders geartete, Intelligenz der Tiere übrig
bleibt, stellt die Logik die Frage, ob geringere oder andersartige
Intelligenz einen Grund, eine Legitimation, für Grausamkeit,
Folter, Tötung, Versklavung, schwere Freiheitsberaubung
oder sonst ein Verbrechen darstellt - und beantwortet sie
mit Nein.
Aufklärung
durch Schock?
Bisher
ist es eine sehr kleine, aber stetig wachsende Minderheit,
die die Tiere von der unmenschlichen (!) totalitären
Diktatur des Menschen befreien will. Eine ungeduldige unhomogene
Bewegung, die nicht die Augen vor den Auswirkungen der Tyrannis
verschließt und die sich die Perspektive der Opfer
zu eigen macht.
Für
sie ist die Vergleichbarkeit des kreatürlichen Leids
selbstverständlich und das Kardinalargument der Leugner
“Tiere sind keine Menschen“ nichts als ein Schlagwort
aus dem Arsenal der Herrenmenschenmentalität. Und eben
hier stößt die bis heute herrschende Moral, die
die Tiere ausklammert, mit dem neuen Denkansatz zusammen,
der von der Tierrechts - und Tierbefreiungsbewegung entwickelt
wird und der eine artübergreifende Ethik fordert, die
die Tiere einschließt.
Es
ist zu begreifen, dass eine derart umfassende Erweiterung
des moralischen Anspruchs die “normal“ geprägten
Zeitgenossen zunächst vor den Kopf stößt
und es noch lange tun wird.
Zumal
keine Tyrannei jemals so viele Vorteile für die Privilegierten
gebracht hat, nämlich irgendeinen für nahezu jedes
Mitglied der menschlichen Rasse, und seien es nur Schuhe.
Vor allem aber das schmeichelnde Bewusstsein, einer höheren
Lebensform anzugehören. Die Abwehrmechanismen werden
entsprechend in Stellung gebracht.
Wie
aber kann diese Minderheit einer derart archaischen, von
klein auf verinnerlichten, von ausnahmslos allen Institutionen
geschützten Diktatur beikommen? Wie durchbricht man
die alles niederwalzende Macht der Gewohnheit?
Viele
Wege werden gegangen. Nur einer davon ist die Schockmethode,
die harte Konfrontation mit den Gräueln der grenzenlosen
Ausbeutung der Tiere durch Visualisierung, der Versuch,
die Opfer aus der Schattenwelt ihres Leidens herauszuholen
und den Mitschuldigen und Gleichgültigen so zu präsentieren,
dass sie nicht ausweichen können.
So,
wie die Deutschen nach dem Krieg zwangsweise in KZs geführt
wurden. Vielleicht trifft der verstörende Vergleich
mit der eigenen Geschichte, einer Geschichte von Menschen
gegen Menschen, mit der gegenwärtigen von Menschen
gegen Tiere trotz aller Abwehr manche mitten ins Herz -
vielleicht sogar ins Hirn. Vielleicht verstehen sie die
Botschaft: Wie könnt ihr euch vor dem einen als furchtbare
Ausnahmeerscheinung entsetzen und das andere als Normalität
hinnehmen?
Wer
aber sinnwidrig in der grellen Beleuchtung des sonst abgedunkelten
Tierleids eine Verachtung der gequälten Menschen erblicken
will, der demonstriert genau damit, was ihm spiegelbildlich
vorgehalten wird: seine Verachtung der Tiere.
"Ich
will es deutlich sagen: Rings um uns herrscht ein System
der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens,
das sich mit allem messen kann, wozu das Dritte Reich
fähig war, ja es noch in den Schatten stellt, weil
unser System kein Ende kennt, sich selbst regeneriert,
unaufhörlich Kaninchen, Ratten, Geflügel, Vieh
für das Messer des Schlächters auf die Welt
bringt."
Zitat
aus „Das Leben der Tiere“ von J.M. Coetzee,
Literaturnobelpreisträger 2003
Opfer sprechen oft ganz anders:
"Ich
entsinne mich, dass ich während eines Urlaubsaufenthalts
von 1967 im russischen Wald bei Cavidovo zum ersten Mal
eine solche 'Hühnerfabrik' gesehen und besucht habe
und dass mein erster Eindruck - und er hat sich später
nie geändert - der war: das muss für die armen
Tiere ja schlimmer sein als was wir im Konzentrationslager
die Jahre hindurch haben ausstehen müssen."
Martin
Niemöller, Kirchenpräsident, von 1938-1945 in
verschiedenen KZs.
Sina Walden
freie Autorin, Juristin, Übersetzerin lebt in München
und Italien
München 15.03.2004 |