| |
|
|
Tierrechtskongress 2004
16. bis 19. September 2004, Österreich, Don Bosco-Haus,
Wien.
Bericht von Viola Kaesmacher, Mitglied
bei IfT
- Internetzwerk für Tiere
|
| September
2004 |

Einige Eindrücke des Kongresses:
|
|
|
Von
Recht und Unrecht |
Nicht
nur angesichts der Verfolgung von Tierrechts- und TierbefreiungsaktivistInnen
- (selbst) in modernen Demokratien - ist die öffentliche
Diskussion eines legitimen Widerstandes gegen Gewalt gegen
Tiere notwendig.
Demokratie und Tierrechtsbewegung/Widerstandsrecht
"Liest
man Schriften zum Widerstandsrecht, so könnte
man meinen, ein Recht auf Widerstand sei per se
etwas, dass man vorausblickend ignoriert, in der
Gegenwart unter vehementem Protest verneint und
rückblickend verschämt anerkennt."
-
In
England hat Premierminister Tony Blair den "Krieg
gegen TierbefreierInnen" ausgerufen
-
In
den USA wurden eigens Gesetze gegen TierbefreierInnen
und UnterstützerInnen erlassen, die Grund-
und Freiheitsrechte von TierrechtlerInnen/TierbefreierInnen
eingeschränkt
-
Andere Staaten haben ebenfalls ein hartes Durchgreifen
angekündigt gegen jene, die Tiere aus Käfigen
befreien, sich in Tierausbeutungsstätten anketten
oder Folter- und Tötungsmaschinen sabotieren
Die Vorgehensweise der Behörden bleibt nicht
nur aus sich heraus unverständlich, sondern vor
allem vor dem historischen Gedächtnis.
-
Kann
ein Widerstandsrecht
bereits voraussehend festgestellt werden?
-
Gibt
es eine allgemeine Begründung eines Widerstandsrechts?
-
Treffen die Kriterien eines Widerstandsrechts
für die Tierrechtsbewegung bzw. Tierbefreiungsbewegung
zu?
|
Diese
und andere Gedanken wurden in dem Arbeitskreis, der von
Melanie Bujok geleitet wurde, erörtert. Was jedem logisch
erscheint und subtil im Hinterkopf schlummerte, wurde verständlich
in Worte gefasst, in einen historischen Kontext gestellt
und Vergleiche mit vergangenen Widerstandsbewegungen gezogen.
Hoffentlich werden diese wichtigen Betrachtungen bald publiziert
werden. |
|
Theorie |
Ethik
und Religion
Warum
ist es überhaupt zwingend notwendig geworden, sich
für nichtmenschliche Tiere und gegen die Ausbeutung
unserer Mitgeschöpfe einzusetzen? Wie hat die Niederknechtung
der Tier- und Umwelt begonnen und warum? Sind menschliche
Tiere die Krone der Schöpfung und was für Rechte
und Pflichten würden sich aus dieser Konstellation
ergeben? VertreterInnen aus Philosophie, Soziologie und
Theologie bezogen hierzu Stellung.
|

|
Helmut
F. Kaplan: "Wege zum Veganismus –
Rationale Konzepte für eine ethische Zielsetzung."
Linktipp
zu tierrechte-kaplan.org und "Die
ethische Weltformel – Eine Moral für
Menschen und Tiere" Buchtipp |
|

|
"Speziezismus,
soziale Hierarchien und Gewalt".
Mag. Mütherich ist Soziologin. Sie hat zum
Thema "Die soziale Konstruktion des Anderen
- zur soziologischen Frage nach dem Tier"
eine sehr aufsehenerregende Arbeit geschrieben.
Linktipp
zu vegan.at |
|

|
Prof.
Dr. Kurt Remele: "Abschied von
der Anmaßung. Plädoyer für eine
tierfreundliche Ethik im christlich-abendländischen
Kontext" Schade, dass Theologen
diesen Schlags an Instituten für Ethik
und Gesellschaftslehre eher die Ausnahme sind. |
|
"Die
Tierrechts-Bewegung muss endlich den Mut aufbringen, eine
eigenständige Philosophie zu vertreten, anstelle
sich anachronistischer und speziesistischer Links-Rechts-Schemata
zu bedienen." Mag. Willer
|
|
Kritik |
Was
ist der richtige Weg?
Auch
Kritik an Kampagnen, Dissenz in der Vorgehensweise bei Darstellung
von Tierschutz-/-rechtsthemen in der Öffentlichkeit
und eventuell hiermit einhergehende Verletzung der Rechte
von Menschen und/oder Rückschritte in der Tierrechtsbewegung
wegen fehlender oder aber auch erfolgter Solidarität
zu anderen Aktionen spielte auf dem Tierrechtskongress eine
Rolle.
|

|
Sina
Walden hat meiner Meinung nach all die "Gegenargumente"
innerhalb der "Kritischen Analyse
der KZ-Holocaust Gleichsetzungen"
um Peta's "Holocaust auf Deinem Teller"-Kampagne
entkräftet. Es geht weder um Singularität
eines Ereignisses noch um Gleichsetzungen! |
|

|
"Tierschutz-/Tierrechtsarbeit
und Antisemitismus", Birgit Pack:
Kritisch wird insbesondere der Wortgebrauch
einiger Tierschutz-/-rechtsseiten in bezug auf
antisemitische Redewendungen und Wörter
betrachtet sowie "Anti-Schächt-Kampagnen"
insgesamt. Dennoch Konsenz der Teilnehmer und
mein Fazit: Kein (echter) Tierrechtler kann
gleichzeitig Menschenverachter sein. Die Gefahr,
in eine "Fascho-Ecke" gestellt zu
werden, darf nicht davon abhalten, "religions-",
"kultur-", "traditions-"
bedingte Tierausbeutung anzuprangern. |
|

|
Prinzipiell
gibt es keine Fundamentalopposition "Tierschutz
versus Tierrecht", sofern das
Grundziel – nämlich jegliche Form
der Tierausbeutung abzuschaffen – Leitmotiv
bleibt. Reformistische Ansätze machen als
taktische Mittel zum Zweck durchaus Sinn. |
|
Speziell
in dieser Phase unserer Bewegung müssen klassischer
Tierschutz und Tierrecht zusammenarbeiten. Tatsächlich
unterscheiden sie sich trotz allem nicht grundsätzlich,
sondern es gibt einen kontinuierlichen Übergang. Es
wurde von den ReferentInnen dafür plädiert, dort
zusammen zu arbeiten, wo es geht - und sich ansonsten die
FeindInnen bei der wirklichen Gegenseite zu suchen. |
|
Praxis |
Dieser
wissenschaftlich-theoretische Hintergrund erleichtert auch
"gemäßigten TierrechtlerInnen" in erheblichem
Maße das Verständnis für andere Beiträge,
die sich mit der praktischen Ebene des Widerstandes gegen
die Tierausbeutung befassten, z.B.
|

Tierbefreiungen
retten Leben
Seit
einigen Jahren wagen es manche TierrechtsaktivistInnen,
Tiere zu befreien und sich öffentlich dazu zu
bekennen. Es gibt im wesentlichen 3 verschiedene Strategien:
-
in Deutschland befreien zumindest zwei Gruppen Tiere,
bekennen sich dazu öffentlich, sagen aber nicht,
wo sie sie befreit haben, und hinterlassen bei der
Befreiung keine Spuren. Ohne KlägerIn keine
RichterIn: sie bleiben gerichtlich nicht verfolgbar
-
In Schweden das andere Extrem: die AktivistInnen
befreien Tiere, lassen sie in Sicherheit bringen,
bleiben aber dann noch in der Nacht im Betrieb,
stellen sich der Polizei, bekennen sich schuldig
und zielen darauf ab, ins Gefängnis gesteckt
zu werden. Sie wollen so die Gesellschaft auf ihre
unmoralischen Gesetze aufmerksam machen.
-
Der
VGT Österreich verfolgt eine dritte Strategie:
es werden Tiere befreit, die TierhalterInnen bei
den Behörden wegen Tierquälerei angezeigt
und somit bekennen sich die Tierrechtler indirekt
zur Tat, betonen aber, dass kein Gesetz gebrochen
wurde. Vor Gericht wird wir mit allen Mitteln versucht,
Freispruch zu erreichen
|
Link
zu tierlieb.net: 23.09.04 Hausdurchsuchung
bei den "Tierfreunden Siegen"
|
|
Kampagnen |
Friedrich
Müllns Covance-Undercoverrecherche

Diese
Veranstaltung schilderte die spektakuläre undercover
Recherche in dem Labor der Firma Covance in Münster.
Gezeigt wurden bisher unbekannte Bilder und neue Aspekte
der Geschichte um Covance.
|


|
Diese
und ähnliche Bilder sind es, die uns immer wieder
Recht geben und motivieren, uns gegen die Ausbeutung
und Erniedrigung gegen Tiere aufzulehnen.
Allerdings
hat ein anderer Vortrag ("Analyse vergangener
Kampagnenerfolge") gezeigt, dass die Intervention
in Münster die globale Anti-Covance-Kampagne
zwar stärkt, allerdings in Deutschland wenig
Erfolg versprechend ist, was eine Schließung
von Covance betrifft (richtiger Zeitpunkt, engagierte
Aktionen, allerdings falscher Ort und möglicherweise
ungenügende Vorabrecherche?). |
Dennoch
sind alle Bemühungen, Covance in Münster anzuprangern
und zur Rechenschaft zu ziehen, ein wichtiger Schritt, der
Bevölkerung die Augen zu öffnen:
-
1. was wir den Tieren antun
-
2. wie mit Kritikern umgegangen wird
-
3. wie absurd unser Rechtssystem ist
Covance
ist nicht das einzige Unternehmen, dass aktuell im Blickpunkt
von TierrechtlerInnen ist. So wurde in anderen Beiträgen
von diversen Kampagnen berichtet und es wurde auch ein intensives
Filmprogramm geboten, in denen Videos gezeigt wurden. |
|
Kunst
|
Andere Möglichkeiten, die Gesellschaft auf Unrecht
hinzuweisen, sind auch sehr viel versprechend. So gibt es
neben der musikalischen Umsetzung auch die bildende Kunst,
die so manches bewegen kann.
"Chris
Moser: Radikalkunst als gesellschaftliches und politisches
Kampfmittel. Plastische Arbeiten. Gut platzierter, harter
Schlag ins Gesicht, der direkt zur Wahrheit schleudert."
Aus dem Programm im 7 KAPELLENAREAL

...
so erklärte der Künstler Chris Moser, wie es dazu
kommt, dass z.B. Tierrechtler während Demos als Spinner
abgetan, er als Künstler mit weitaus drastischeren
Bildnissen und Konfrontationen allerdings ernst genommen
wird.
Anhand
einiger Beispiele wird ersichtlich, dass sich auch offensichtlich
"krasse" Aussagen, die in einem anderen Zusammenhang
entweder vertuscht oder als kriminell betrachtet würden,
in Form von Kunstwerken, Ausstellungen (und deren Medienresonanz)
tätigen lassen und somit auch meist positiv aufgenommen
werden.
|
|
Ernährung |
Es
gab diverse Veranstaltungen zu dem Thema rund um Ökotrophologie,
Ernährung, Nahrung, Substitution. Da allerdings in
der Regel Parallel-Veranstaltungen stattfanden, die mich
persönlich mehr interessiert haben, habe ich lediglich
an einem Beitrag zum Thema "Future Food" teilgenommen.

Prof.
Dr. Vladimir Mironov: "Tissue engineered "hydroponic"
animal-free animal meat: Technological, economic and public
perception aspects" (englisch). Prof. Mironov ist
ein weltbekannter Experte aus den USA auf dem Gebiet der
Erzeugung von Zellkulturen und, darauf basierend, von
tierfreiem Fleisch, im Labor. Er ist Director des Shared
Tissue Engineering Labors des Dept. of Cell Biology and
Anatomy der Medical University of South Carolina, USA.
Dieser
hat mich allerdings sehr schockiert und ich verließ
den Raum, als der Dozent von TierrechtlerInnen als TyrannInnen
sprach, die Ideologien als Spinnereien abgetan hat und insbesondere,
als er (in den USA lebender Russe) auf kritische Fragen
bzw. Kommentare zu seinen äußerst skurrilen Aussagen
entgegnete, er komme aus einem Land, in dem es Toleranz
gäbe und die Meinungen und Rechte anderer Menschen
akzeptiert würden. Aber davon mal ganz ab und auch
ungeachtet dessen, dass er laut eigenen Aussagen kein Vegetarier
sei, weil seine Eltern ihm das Fleisch essen beigebracht
hätten, sehe ich mehrere Probleme an der Idee, den
Leuten künstliches Fleisch zu servieren:
-
methodisch:
es würde an der Einstellung zu nichtmenschlichen
Tieren nichts ändern. Es würde lediglich aus
Eigennutz (keine ungewollten Rückstände, Medikamente,
Hormone etc.) Verwendung finden
-
ethisch:
der Vorteil ist zwar, dass dadurch Tierleid möglicherweise
eingeschränkt werden könnte. Der Nachteil ist
allerdings, dass wir wieder in der anthroprozentrischen
Zwickmühle sind. Haben wir Menschen das Recht, dies
zu tun - "Gott zu spielen"?
-
inhaltlich:
der
gesamte Auftritt dieses Mannes macht klar, dass er mit
Tierechten absolut nichts zu tun hat. Also kann es ihm
nur um Forschungsgelder und/oder Finanzierung dieses Projektes
gehen. Ist es Aufgabe der Tierrechtsbewegung, einen solchen
Wissenschaftler salonfähig zu machen? Wenn das Konzept
tatsächlich aufginge und umsetzbar wäre, müssten
sich doch sämtliche Lebensmittelkonzerne, Gesundheitsbehörden
und ökonomisch denkende Politiker um ihn reißen...
-
und
außerdem...
es gibt doch bereits "nachgemachtes Fleisch"
- Saitan, Tofu, Soja - alles hervorragende Möglichkeiten,
den Verbrauchern, so sie es denn wollen, den Geschmack
von Fleisch vorzugaukeln. Und denjenigen, denen es um
die Macht geht, ein Lebewesen für sie töten
zu lassen, das Blut zu schmecken und in perverser Weise
beim Essen daran zu denken, dass dies mal ein "Stück
Lebenskraft" war, so lange es lebte, jene kann man
sicher auch nicht mit dem Tissue-Fleisch befriedigen.
|
|
Weitere
Events... |
Die
oben angerissenen Themen stellen nur einen von mir subjektiv
gewählten Ausriss der Veranstaltungen dar. Es wurden
noch diverse andere wichtige Themen behandelt, so z.B. "Tierschutz
/ Tierrecht in Erziehung und Pädagogik" ebenso
wie praktische Arbeitskreise wie "Zirkus und Auffangstation"
[Infos
hier].
Abgerundet
wurde die Veranstaltung durch gemeinsame Aktionen, wie z.B.
zwei Demos (eine gegen die Tierausbeutung der Pelzindustrie,
eine gegen Fleisch). Bei einem "sozialen Abend"
im Kellerraum des Don Bosco Hauses kam auch die zwischenmenschliche
Ebene nicht zu kurz. Insgesamt
war der Kongress nicht nur dazu da, um sich fortzubilden
und auszutauschen, sondern auch, um alte Bekannte und neue
zu treffen. In den Pausen gab es die Gelegenheit, sich an
den verschiedenen Ständen umzusehen, in Bücher
zu schauen und verschiedene Produkte zu kaufen.
Insgesamt
war der Kongress eine sehr gelungene Veranstaltung. Hut
ab vor dem VGT Österreich, dies alles auf die Beine
gestellt zu haben, nach der Abschlussrede gab es denn schließlich
auch standing ovations für Martin Balluch.
September
2004, Viola Kaesmacher |
Impressionen:
Weitere Fotos |
| |



Weitere
Fotos der Demonstrationen auf der Tierrechtskongress-Site |
|
|
Linktipps |
"Wir
empfinden keinen Hass gegenüber den TierquälerInnen
und -ausbeuterInnen, sind aber wütend über ihre
Taten."
Foto:
John zeigt einen Artikel über die Krawalle von JagdbefürworterInnen
anlässlich des teilweisen Verbotes der Fuchsjagd in
Großbritannien. Über die zerschlagenen Gesichter
der JägerInnen, die sich ausnahmsweise mit der Polizei
konfrontiert sahen und nicht TierrechtlerInnen, zeigte er
sich nicht hämisch. Er sagte lediglich, dass ihm in
diesem Moment die PolizistInnen sympathisch waren.
John
Curtin ist seit Anfang der 80er Jahre in der Tierrechts-Bewegung
in England aktiv und hat einige Gefängnisstrafen als
ALF-Aktivist abgesessen, ist also ein Ex-A.L.F.-Aktivist.
Neben vielen eindrucksvollen Schilderungen rief er auch
dazu auf - und dem schließe ich mich an, nicht diejenigen
Menschen zu vergessen, die ihr Leben im Kampf für die
Tiere ließen. Außerdem müssen wir auch
an diejenigen denken, die aufgrund Ihrer tierfreundlichen
und lebensbejahenden Einstellung in Gefängnissen sitzen.
Denkt an sie, schreibt ihnen, unterstützt sie.
Hier
einige Linktipps:
VgT
Österreich - Verantwortung gegenüber Tieren

zum
Tierrechtskongress
Dort finden Sie das Programm, Hintergrundinformationen sowie
einige Texte, Fotos der Veranstaltungen, der Referenten,
Teilnehmer und Pausen-Schnappschüsse. |
|